Dienstag, 6. Dezember 2011

Backwaters & Beach

Im öffentlichen Boot
Es ist 6 Uhr morgens als ich mit einer Taschenlampe durch die Finsternis tappe, um mein kleines Bergdorf vorübergehend zu verlassen. Ein Besucher hat mir von den herrlichen Stränden Keralas berichtet. Seitdem quälen mich Tagträume, in denen ich in den Dünen sitze und dem Meer lausche. Also nichts wie hin.


Palmenkulisse in den Backwaters
2.5 Stunden und rund 110 Kurven später erreiche ich die nächstgrößere Stadt Kottayam, wo es schon deutlich wärmer ist als auf dem Berg. Um den Touristenfallen zu entgehen, nehme ich das öffentliche Boot – ein alter Holzkarren – um durch die Backwaters zu kurven. 2.5 Stunden romantische Fahrt um ganze 15 Cent. Das nenne ich ein gutes Preis-Leistungsverhältnis.

Die Backwaters bestehen aus ausgedehnten Kanalsystemen und Seen. Einige benützen das Boot, um zu ihrem Haus zu gelangen. Andere, um in die nächste Stadt zu übersetzen. Unzählige Palmen und Bananenstauden säumen das Ufer. An unserem Boot ziehen große imposante Hausboote vorüber, die mit  Küche und Wohnzimmer im Freien inkl. TV bestens ausgestattet sind. Die Wellen schaukeln uns von einem Ayurveda Ressort zum nächsten, bis das Boot gemächlich in Allepey eintrudelt.

Das schlichte Guesthouse ist nur wenige Schritte vom Meer entfernt. Den Anblick des langen weißen Sandstrandes beeindruckt mich derart, als hätte ich nie zuvor einen Strand gesehen. Bei rund 35 Grad und wärmsten Wassertemperaturen sind allerdings kaum Menschen im Meer auszumachen.


Für indische Frauen schickt es sich nicht, baden zu gehen. Einige Jugendliche kratzen die Sitten nicht und tollen mit Unterwäsche im Wasser herum. Andere baden mit Kleidung. Größtenteils aber meiden die InderInnen die Hitze und kommen erst bei gemäßigten Temperaturen ab vier Uhr nachmittags an den Strand. Der Sonnenuntergang gg. 18:00 Uhr ist das Highlight. Danach wird es wieder ruhig.

Chilis trocknen in der Sonne
Die Häuser am Strand erwecken den Eindruck einer indischen Kleingartensiedlung. Die Grundstücke liegen dicht neben einander und sind lediglich durch selbstgebastelte Zäune und Palmenblätter voneinander  getrennt. Hier kennt jeder jeden. In den Höfen werden Fisch und Gewürze getrocknet. Gekocht und gewaschen wird ebenfalls im Freien. 
Fischer mit ihrer Beute

Am nächsten Tag weckt mich der Muezzin. Es ist fünf Uhr dreißig und bald Zeit, die fünfstündige Heimreise zu Wasser und Land anzutreten. Keine Frage, der Strand in Kerala hat mich bald wieder. Diesmal mit Badebekleidung.


Freitag, 2. Dezember 2011

In den Kardamombergen

Tempel in Madurai
Aus den Städten kommend war Indien für mich bislang gleichbedeutend mit einem ewigen Getümmel an Menschen, Tieren und Fahrzeugen, permanentem Gehupe, Staub und Dreck.  Menschen, die zusammen gekauert am Boden schlafen und auf der Straße ihre Notdurft verrichten, ganze Familien, die auf einem Moped fahren; Kühe, Ziegen, Affen, die frei herumlaufen. Elefanten in Tempeln.


Grenzposten
Mein Bild von Indien ändert sich schlagartig, als ich den Grenzposten zwischen Tamil Nadu und Kerala überquere. Ich befinde mich mitten in den Bergen auf einem Pass, auf den sich der öffentliche Bus hinaufgequält hat.

Kardamom Hills

Die flache Landschaft von Tamil Nadu bot weite Felder mit Kokosnusspalmen, Bananen und Reis. Ganz anders der Osten Keralas: ein sattes Grün überzieht die Kardamom Berge. Im nimmersatten tropischen Wald wachsen Kaffee, Kakao, Tee und Gewürze wie Pfeffer, Ingwer, Kurkuma, Kardamom, Muskat und Vanille. Es ungewöhnlich sauber und ruhig. Jesu Statuen mit bunt blinkenden Lichterketten säumen die Straßen. Jeder Ort trumpft mit seiner eigenen Kirche auf.

Öffentlicher Bus in Kerala
Der Busfahrer scheint die Strecke gut zu kennen und nimmt gekonnt eine Kurve nach der nächsten. Prinzipiell empfiehlt es sich, vor einer Fahrt nur leicht zu essen, Lesestoff zur Seite zu legen und sich gut festzuhalten. Ebenfalls ist es ratsam, das Fahrtgeld abgezählt bei sich zu haben, damit der sich durch den Bus hantelnde Schaffner kassieren kann. In den Tiefen der Tasche etwas zu suchen grenzt – sofern man keinen Sitzplatz hat – an ein Kunststück.
Beinfreiheit für Männer
Die Männer im Süden Indiens tragen zu Hemden Wickelröcke, die je nach Lust und Laune hochgeschlagen werden. Frauen tragen bei jedem Wetter – auch bei Wind und Regen – die traditionelle Tracht bestehend aus Sari oder Kurta. Zum tadellosen Erscheinungsbild gehören edle Stoffe, Goldschmuck und Haaröl. Das Schuhwerk besteht bei Männern und Frauen aus Sandalen.

Iddli - südindisches Reisgericht
Mit dem unterschiedlichen Klima ändert sich auch die Küche: Reis wird in allen Variationen bis zu dreimal täglich gegessen. Dazu gibt es Chutney (Sauce) oder Gemüsebeilage. Abwechslung bietet Chapati, eine Weizenflade. Auf Brot, Eier und Käse verzichten die Bewohner Keralas gerne. Dafür wird ggf. ein kleines Stück Fisch oder Fleisch verzehrt.
Das Leben in den Kardamombergen ist entspannt und gemächlich. Trekking Fans und Naturliebhaber kommen voll auf ihre Kosten. Wer Unterhaltung sucht, bleibt womöglich nur kurz.

Dienstag, 29. November 2011

Kerala streikt

Seit zwei Tagen gibt es kein Fortkommen aus dem kleinen Dorf Potupara in Bergen Keralas, denn jeglicher Busbetrieb ist eingestellt. Nachdem die Menschen nicht vom Fleck kommen, sind auch sämtliche Geschäfte geschlossen. Sogar die Stromversorgung streikt, weshalb wir derzeit bis zu zehnmal täglich auf Generatoren oder Taschenlampen zurückgreifen.

Grund des Protests ist der 116 Jahre alte Staudamm Mullaperiyar im Periyar Nationalpark. Der Damm liegt zwar in Kerala, de fakto wird er aber vom Nachbarstaat Tamil Nadu kontrolliert, da das Land während der britischen Kolonialzeit auf 999 Jahre verleast wurde. Abgesehen von den lächerlichen Mieteinnahmen i.d.H. von 39 TEUR pro Jahr gibt es ein anderes Problem: der Damm ist leck.
Die Tatsache, dass am gleichen Standort in den letzten neun Monaten 26 Erdbeben verzeichnet wurden und dass der Damm Schätzungen zufolge einem Beben von Stärke sechs nicht standhalten wird, lässt die Wogen in den betroffenen Regionen hochgehen. Bricht der Damm, so werden ganze Dörfer und Städte (u.a. Hafenstadt Cochi) weggespült. 3,5 Millionen Menschen sind betroffen.

Kerala ist bereit, einen neuen Damm zu bauen, doch Tamil Nadu blockiert dieses Vorhaben aus Angst, danach das Zugriffsrecht auf das Wasser zu verlieren. Die Auswirkungen einer möglichen Flutkatastrophe werden ab Dezember im Kinofilm „Dam 999“ gezeigt, doch schon jetzt hat der Nachbarstaat die Veröffentlichung verboten. In der Zwischenzeit gehen die Proteste weiter. Diese Woche wird es noch ein bis zwei Streiktage geben. Wie schön ist es in meinem kleinen Dorf Potupara ..

Montag, 21. November 2011

Peace & Happiness in Tamil Nadu

Sri Ramana Maharishi & Papaji
Meine Freunde in Lucknow haben eine Farm etwas außerhalb der Stadt. In einem der Tempel sehe ich das lebensechte Bild von Guru Papaji und seinem spirituellen Lehrer Sri Ramana Maharishi wie sie friedlich vor dem Berg Arunachala im Süden Indiens sitzen. Spontan beschließe ich, schon in der kommenden Woche dorthin zu fahren, um den Ashram zu besuchen. Auf dem Weg dahin, besuche ich die von Europäern gegründete Stadt Auroville in der Nähe von Pondicherry.

Meditationstempel in Auroville
Auroville ist ein lebendes Experiment, das in den 60er Jahren zu Ehren von Sri Aurobindo und seiner Mutter startete. Sämtliche Bewohner der Stadt wohnen weit verstreut in einem dichten Wald aus Palmen und Bananenplantagen. Zentrum der Stadt ist ein dreißig Meter hoher goldener Meditations-Tempel. Sofern die Community einwilligt, kann man dort Land besiedeln und es bewirtschaften. Die Agrarerzeugnisse gehen (ohne Abfuhr von Steuern) an die Community. Textilien und Kunsthandwerk werden auch außerhalb der Stadt verkauft.
On the road again .. ;-)
Ashok, der Besitzer des Hostels, schlägt eine Tour auf dem Motorrad vor und schon kurz nach der Abfahrt übernehme ich das Steuer. Nach all den Rikschafahrten steigt meine Freude ins Unermessliche als wir über holprige Pisten durch den Wald rollen. Nur der Linksverkehr ist etwas gewöhnungsbedürftig. Auf dem Heimweg holen wir seine vierzehnjährige Tochter ab, die zwischen ihm und mir am Moped Platz nimmt. Ashok hat noch eine weitere Tochter, die er in wenigen Jahren verheiraten wird. Mitspracherecht hat sie keines.


Am nächsten Tag brettere ich mit dem öffentlichen Bus und einem Ticket um 28 Rupies (d.s. 40 Cent) in das Landesinnere. Die Landschaft ist herrlich – sattes Grün soweit das Auge reicht, dazwischen Seen und Berge. Der Empfang im Ashram ist herzlich und ich beziehe ein sauberes Einzelzimmer. Kaum zu glauben, dass Unterkunft und Verpflegung kostenlos sind. Das Gelände des Ashrams ist gepflegt mit einem hübschen Garten. Keine Bekleidungs- oder sonstige Vorschriften. Einzig die Schuhe soll man ausziehen und pünktlich zum Essen erscheinen. Kein Problem!
Im Speisesaal des Ashrams
Das Essen ist ein Erlebnis für sich: täglich gibt es drei warme Mahlzeiten und nachmittags Tee oder Milch. Im Speisesaal nehmen etwa 150 Personen dicht nebeneinander am Boden vor je einem Bananenblatt und einem Aluminium-Becher Platz. Danach geht ein Mitarbeiter mit einem Kübel durch und teilt Reis aus. Der nächste Gemüse und ein dritter gießt Sauce über das Gericht. Selbst an die Nachspeise ist gedacht. Dazu trinken wir Wasser und salziges Lassi. Das Essen ist reichlich und schmeckt prima (wenn nicht immer ein Teil davon auf meiner Hose landen würde… Reis und Sauce mit der Hand zu essen, will gelernt sein).
Meditation am heiligen Berg Arunachala
Das Programm besteht aus Zeremonien vor dem Schrein, Singen, Meditieren, Lesungen. Eine Wanderung auf den Berg lohnt sich. Dort befinden sich sämtliche Höhlen, in denen der Guru bis zu 17 Jahre meditierend verbracht hat. Begonnen hat alles damit, dass Ramana mit sechszehn Jahren ein – ohne ersichtlichen Grund – ein Todeserlebnis hatte. Dabei kam er zu der Erkenntnis, dass zwar sein Körper stirbt, aber nicht seine Seele. Danach war nichts mehr wie zuvor. Es zog ihn nach Tiruvannamalai, wo er sein restliches Leben verbrachte. Der Guru hatte Zeit seines Lebens viele Schüler, aber auch Neider.

Nach dem Osho Meditation Resort in Pune bin ich froh, nun einen richtigen, erholsamen und friedlichen Ashram erlebt zu haben. Zufrieden reise ich mit dem Zug Richtung Kerala weiter.

Montag, 14. November 2011

An den Ghats von Varanasi

„Hey Ma’am! This is Varanasi Junction!“  Ein Inder zieht an meiner Decke und reißt mich aus meinen süßen Träumen, die mir der rüttelnde Zug auf der sechsstündigen Fahrt von Lucknow bescherte. Verschlafen und etwas unwillig stolpere ich um 4:30 Uhr morgens in den Tag. Es ist noch dunkel, aber die Stadt schläft nicht. Der Sicherheit wegen weigert sich der Rikscha Fahrer, mich an die vorgeschlagene Adresse zu bringen und wir suchen das Hostel seiner Wahl auf. Auch der Besitzer hat heute eine kurze Nacht.

Beim Frühstück klärt mich Harroun über die Geschichte und religiöse Bedeutung der Stadt auf. Er stellt die richtigen Fragen: ob ich mit dem Motorrad fahren möchte? Kurze Zeit später zuckeln wir durch die engen Gassen und sehen die größte Universität Asiens, den Vishu und Monkey Tempel. Letzterer heißt so, weil hunderte von wilden Affen am Gelände herum hüpfen. Varanasi ist bekannt für erstklassige handgewebte Seidenprodukte. Die Stadt liegt an der Silk Road, wo die Händler in früheren Zeiten Seide einkauften, um sie im Westen zu vertreiben.  Unterwegs erzählt mir Harroun über sein Leben und sein Vertrauen ehrt mich. Mit 19 Jahren wurde er von seiner Familie an eine drei Jahre jüngere Frau verheiratet. Geliebt hat er sie nie, allerdings gibt er sich große Mühe, ihr das nicht zu zeigen. Seine tiefe Traurigkeit ist nicht zu übersehen. Er ist vom Leben enttäuscht.

Am Abend widme ich mich dem eigentlichen Grund des Stadtbesuches: den Ghats von Varanasi. Ghat steht für Treppe und von denen gibt es unzählige entlang des heiligen Flusses. Spirituell gesehen, entstammt der Ganges dem Himmel und fließt direkt dorthin zurück. Darin zu baden oder die menschlichen Überreste darin zu verstreuen, bedeutet also Gott nahe zu sein. Man erhofft sich, den ewigen Kreislauf der Wiedergeburten zu durchbrechen. Die Fahrt auf dem Boot ist romantisch aber wenig nützlich. Viel aufregender ist es, sich unter die herum schlendernden Menschen zu mischen. Auf dem Rückweg vom Main Gate spricht mich ein dünner alter Mann mit dichtem weißem Bart an. Vom Ganges inspiriert sagt er mir die Zukunft voraus. Die Menschen faszinieren mich jeden Tag aufs Neue.

Chef-Kremator vor dem
Verbrennungsplatz

Am nächsten Morgen folgt eine weitere interessante Begegnung: Der Chef-Kremator persönlich erklärt mir den Prozess der Leichenverbrennungen. Gespannt lausche ich seinen Geschichten. Seine Familie hat seit Jahrzehnten einen der beiden Plätze an den Ghats über und wohnt im Gebäude dahinter. Pro Tag werden an die sechzig Leichen verbrannt, die meisten am Nachmittag und Abend. Es gibt viel Nachfrage. Die Verstorbenen werden mitunter in Eis gekühlt aus weiten Teilen des Landes nach Varanasi gebracht. Eine Verbrennung kann die Familie in finanzielle Schwierigkeiten bringen, denn sie kostet zwischen drei und fünftausend Rupies (zwischen 50 und 80 Euro), das Holz nicht inbegriffen.

Bei der Verbrennung sind meist nur die Männer der Familie dabei. Sie entzünden das Feuer selbst und sind (zumindest vordergründig) nicht traurig, denn die Seele des Toten darf nun die Erde verlassen und wird möglicherweise nicht wieder inkarnieren. Der Brustkorb des Mannes und die Hüften der Frauen werden nicht verbrannt sondern vollständig dem Ganges übergeben. Babies, schwangere Frauen, Selbstmörder dürfen auch nicht eingeäschert werden. Plötzlich stößt sein Freund, der Astrologe, hinzu. „Du bist eine Zwilling-Geborene“ weiß er bei meinem Anblick und erzählt mir Details aus meinem Leben. Der rund fünfzigjährige Mann hatte einen angesehenen Job in einer Bank in Bangalore. Nun ist er des Lebens müde und ist zum Sterben nach Varanasi zu seinem Freund, dem Kremator, gekommen. Meine lebensbejahenden Worte hört er nicht gerne. Seiner Gestik nach möchte er nun lieber alleine sein.
Beeindruckt von diesen Begegnungen ziehe ich von dannen und verbringe die restliche Zeit damit, jene Menschen zu beobachten, die samt ihrer Kleider im Ganges baden, ihre Wäsche darin waschen, Zähne putzen und ihre Morgentoilette am Ufer erledigen. Währenddessen wird der Schlamm von den Treppen gewaschen, damit die Ghats für das Festival an diesem Vollmond-Abend „glänzen“.  Die „Boat People“ werden ihre Schiffe um das  100fache vermieten. Wie gut, dass ich schon genügend Eindrücke gesammelt habe.

Freitag, 11. November 2011

Im Schlafwagen nach Lucknow


Dank einiger Unglücke bei der Ticketbuchung habe ich die Gelegenheit, eine Zugfahrt der besonderen Art zu erleben. Um EUR 1,10 besteige ich den Schlafwagen im Guahati Express von Agra nach Lucknow. Die nächsten sieben Stunden werde ich mit mind. 150 Indern in einem Wagon verbringen, der für die Hälfte der Leute zugelassen ist. 

Ich suche ein freies Plätzchen und finde eines auf einer Liege, die in kleiner Junge heftig verteidigt. Letztlich ist seine Familie großzügig und lässt mich darauf sitzen. Diese Liege werde ich auf der Fahrt mit weiteren 4-5 Indern – Kinder und Männer – teilen. Im Wagon reist die Lower Class Indiens, kaum einer spricht Englisch.
Nach fünf Stunden wird es Nacht und noch immer ist kein Schaffner aufgetaucht, um das Ticket zu kontrollieren. Mein Glück, denn ich habe nämlich das falsche. Plötzlich fühle ich mich richtig wohl. Mittlerweile weiß jeder im Waggon, dass eine junge weiße Frau hier ist. Wenn ich auf die Toilette gehe, halten mit die Männer auf meiner Liege den Platz frei. Die Familie gegenüber bietet mir Kekse und Nüsse an. Der Mann auf der dritten Etage borgt sich mein Buch aus. Er ist offensichtlich gebildet und kann Englisch lesen.
Im Zug probiere ich verschiedene indische Snacks aus, die vorgebracht werden. Auch den Chai Tee lasse ich mir nicht entgehen. Die Entsorgung des Mülls funktioniert folgendermaßen: Fenster auf und raus damit! Der restliche Abfall landet auf dem Boden des Waggons.

Nach sechs Stunden überqueren wir den heiligen Fluss Ganges. Beim nächsten Halt leert sich der Waggon, die Passagiere lassen sich auf dem Bahnsteig Reis mit Sauce servieren und essen anschließend alles im Zug. Gleich danach gehen die Lichter aus und es ist Schlafenszeit. Wo vorher 3-4 Leute auf einer Liege saßen, liegen sie nun nebeneinander. Der Sitznachbar erklärt mir, dass dieser Zug noch weitere 20 Stunden bis zur Grenze fahren wird. Für mich ist es aber genug. Ich nicke kurz ein, bevor ich etwas erschöpft in Lucknow aussteige.  


Freitag, 4. November 2011

One day in Delhi

Ich bin in Delhi in einem guten Wohnviertel im Süd-Westen der Stadt bei einem Freund von Ritchie untergebracht. Delhi wirkt gegenüber Mumbai angenehmer, gemütlicher. Dies liegt daran, dass Delhi sternförmig aufgebaut ist und sich flächenmäßig ausdehnen kann. Mumbai liegt auf einer Insel, das Zentrum befindet sich auf einem schmalen Landstreifen im Süden der Stadt. Um dorthin zu gelangen, fährt man u.a. durch Elendsviertel hindurch. U-bahn gibt es keine – lediglich zwei Bahnstrecken.
In Delhi habe ich den Eindruck, wieder mehr Luft zu bekommen. Insgesamt wirkt die Stadt sauberer und geordneter. Seit sieben Jahren gibt es ein U-Bahn Netz, in dem - wie am Flughafen - jede Tasche und Person gescannt wird.  Delhi ist das politische Zentrum; Mumbai das wirtschaftliche.
Warteschlange vor dem Bahnhof
Ausgerüstet mit dem Notwendigsten fahre ich auf eigene Faust in die Stadt. Mobilität ist in indischen Städten prinzipiell anstrengend. Nicht unbedingt deswegen, weil die Strecken so lang wären (das sind sie auch), sondern weil auf den Straßen so viel los ist, weil es nicht immer Gehsteige gibt, es schmutzig und laut ist. Das Leben auf der Straße kostet Kraft.

Um die motorisierten Rikschas zu vermeiden, gehe ich zu Fuss (das ist für die Inder etwas seltsam), fahre mit dem Bus und der Airport-Linie bis zum Bahnhof. Die Inder geben jederzeit gerne Auskunft was den Weg oder die Verkehrsmittel betrifft. Manche kommen selbstständig auf einen zu und bieten ihre Hilfe an. Ich fühle mich zu keinem Zeitpunkt unsicher oder habe den Eindruck, dass jemand an meinem Besitz interessiert wäre.

Im Stau in Old Delhi
Dennoch komme ich zu Fuss nicht weiter und besteige eine Rad-Rikscha. Für 60 Rupies (knapp 1 Euro) tritt mein Fahrer kräftig in die Pedale (der Arme) und wir radeln durch Old-Delhi. Der Trubel dort übertrifft sogar Mumbai. Prompt stecken wir in einem Stau aus Rad-Rikschas, Motor-Rikschas, Mopeds. Der Fahrer steigt ab und schiebt sein Gefährt samt mir. Für die Anstrengung hat er sich Trinkgeld verdient!
Mit indischer Großfamilie im Red Fort
Beim Red Fort habe ich den Eindruck, dass ich die Attraktion bin und nicht der rote Sandsteinbau. Die Inder sind so entzückend. Ganze Großfamilien kommen auf mich zu und wollen Fotos mit mir. Ich bin nun in sämtlichen Photoalben und Wohnzimmern Indiens vertreten! Scheinbar kommen nicht so viele weißhäutige blonde Frauen in Delhi vorbei. Ich schlendere mit einem Ayurveda Arzt durch das Gelände, um dann einen Abstecher in die beste Bäckerei Delhis zu machen. Sämtliche Köstlichkeiten (ob süß oder pikant) hab ich noch nie in meinem Leben gesehen. Es gibt auch indisches Fast Food mit frittierten Teigen und reichhaltigen Saucen.
Indische Spezialität

Den Abschluss des Tages bildet der Besuch eines Sikkh Tempels. Für die Abendzeremonie waschen wir die Füße und bedecken die Haare. Im Tempel herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Einige Sikkhs singen aus ihrem heiligen Buch und spielen auf goldenen Keyboards. Hindus, Muslime, Christen – alle sind willkommen. Zum Abschied bekommt jeder Besucher eine Portion Teig bestehend aus Weizen, Butter und Zucker. Was für ein Tag!